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Was ist Licht? Im Laufe der Zeit hat es viele Theorien und Modelle gegeben. Vor Urzeiten dachte man, Licht sei göttlich und ströme aus den Augen des Gottes, der die Welt erschaffen hat. In der Antike begann man, die Verhaltensweisen des Lichts genauer zu beobachten und entdeckte die Geometrie des Lichts: es bewegt sich in geraden Linien, in Lichtstrahlen.

Im 19. Jahrhundert entdeckte man einen Zusammenhang zwischen Licht, Elektrizität und Magnetismus. Bewegte man elektrische oder magnetische Körper, entstand so etwas wie eine Welle, die sich genauso schnell wie das Licht im Raum ausbreitete. Damit war klar: Licht ist eine elektromagnetische Welle, ein ständiges Aufeinanderfolgen von elektrischen und magnetischen Wechselfeldern mit einer Frequenz von 600.000.000.000.000 Hz (Wechsel pro Sekunde).

Wie sieht dieses Licht eigentlich aus? Kann man es überhaupt für sich alleine betrachten?
Für sich allein gesehen ist das Licht unsichtbar. Erst wenn ein Lichtstrahl auf Dinge trifft, von dort reflektiert wird und in unsere Augen fällt, können wir etwas sehen. Doch selbst dann sehen wir nicht das Licht an sich, sondern das Bild der Dinge, von denen es reflektiert wird.

Durch die hauchdünne Schicht der Tränenflüssigkeit trifft das Licht auf unser Auge und tritt in unseren Körper ein. Als wäre das Licht nicht schon faszinierend genug, stehen wir hier am Anfang eines Wunders, das vielleicht noch größer ist: das Licht wird zum Bild. Nach den Gesetzen der geometrischen Optik wird mit Hilfe der Hornhaut, der Linse und des Glaskörpers ein verkleinertes Bild auf der Netzhaut erzeugt.

Faszination Auge - Sehen als aktives Geschehen

Faszination Auge - Sehen als aktives Geschehen

Im Altertum glaubte man, dass wir sehen, indem ein "Sehstrahl" aus unseren Augen abstrahlt, der die Welt abtastet. Aus den Reflexen dieses Sehstrahls entstünde dann unser Bild von der Welt. Ähnlich wie bei einer Fledermaus, die im Dunkeln die Umgebung mit Infrarotwellen abtastet und tatsächlich das Echo hören und deuten kann. 

Im Mittelalter entdeckte man dann den tatsächlichen Aufbau des Auges. Wie eine Kamera bildet es das Bild der Welt auf der Netzhaut ab. Licht fällt von außen ins Auge. 

Doch Sehen ist nicht Fotografieren, und mit dem Abbild auf der Netzhaut allein haben wir noch nichts gesehen. Die Wahrnehmung entsteht im Kopf, wo das Bild des Auges zusammengesetzt und verglichen wird. Jeder Blick ist immer Erinnerung an etwas, das wir schon einmal gesehen haben. Am Anfang unseres Lebens müssen wir erst lernen, zusammenhängende Formen zu erkennen, Bewegung zu deuten und räumliche Tiefe zu verstehen. 

Wenn wir ein Bild ansehen, das wir nicht deuten können, dann sehen wir nicht wirklich. Sofort versucht unsere Wahrnehmung, irgendetwas Sinnvolles in diesem Muster aus Hell, Dunkel und Farben zu erkennen. In Sekundenbruchteilen werden viele mögliche Figuren, Menschen, Tiere oder andere bekannte Dinge gesucht, geprüft und schnell wieder verworfen. In wenigen Sekunden werden Netzwerke von Nervenzellen im Gehirn geschaltet und miteinander gekoppelt. Wir lernen, was dieses Bild bedeutet. Die neu geschalteten Netzwerke halten unter Umständen sogar ein Leben lang.

Faszination Auge - Symbol und Sprache

Faszination Auge - Symbol und Sprache

Sehen ist mehr als der physiologische Vorgang. Wir verstehen es im übertragenen Sinn als Durchschauen, Verstehen oder Vorhersehen. Die ältesten überlieferten Darstellungen von Augen reichen bis weit in die alten Kulturen der Ägypter und Hethiter zurück. 

Das Horusauge der ägyptischen Kunst ist ein Beispiel eines solchen Augensymbols, wie man es heute noch zum Beispiel an den Booten maltesischer Schiffer findet.

Bis heute erhalten haben sich auch die Augenmotive, die man schon in der griechischen Kultur, aber auch an den Wallfahrtsorten der christlichen Kirche findet: Das "Auge Gottes". 

Ganze Geschichten können wir schreiben, indem wir uns sprachlich an den Augen ausrichten: 

Wer gerne einen Blick riskiert oder anderen Menschen schöne Augen macht, kann durchaus der Liebe auf den ersten Blick begegnen. Dann kann es passieren, dass uns die Augen übergehen, wir einen Menschen mit den Augen verschlingen und wir schließlich einem geliebten Menschen jeden Wunsch von den Augen ablesen. 

Erwischen wir diesen dann beim Tête-à-tête mit einer anderen Person, werden wir vermutlich unseren Augen nicht trauen und uns werden die Augen übergehen - oder wir werden noch einmal ein Auge zudrücken. Wir hätten unsere Liebe eben besser wie unseren Augapfel hüten sollen und sie nicht aus den Augen verlieren dürfen. Das sind dann leider trübe Aussichten - die wir vielleicht mit einem weinenden und einem lachenden Auge betrachten. 

Diese und zahllose weitere Redewendungen spiegeln es wider: Auch die Sprache kommt ohne das Auge nicht aus. Im alltäglichen Leben zeigen Bezeichnungen wie "Sehenswürdigkeit", "Fernsehen" oder "Aufsehen" die Bandbreite des Begriffs - und die Wichtigkeit, die wir dem Sehen beimessen.